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Botschafterin des Wissenschaftsjahres

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30.10.2012

Alexander von Humboldt-Stiftung: Interview mit Dr. Thomas Scheidtweiler

Dr. Thomas Scheidtweiler
(c) Herman Agenbag

Dr. Thomas Scheidtweiler leitet das Referat Afrika und Nahost in der Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH). Nach einer mehrjährigen Tätigkeit als Leiter eines Agrarzentrums in Ostafrika widmet er sich seit fast zwei Jahrzehnten der internationalen wissenschaftlichen Zusammenarbeit mit Schwerpunkt Afrika.

Hinzu kommen Einsätze als Dozent in landeskundlichen Programmen der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und als Internationaler Wahlbeobachter.

1. Wie engagiert sich die Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH) in Südafrika und welche Bedeutung hat für Sie das Deutsch-Südafrikanische Jahr der Wissenschaft 2012/2013?

Die Alexander von Humboldt-Stiftung vergibt Forschungsstipendien und Forschungspreise an wissenschaftliche Spitzenkräfte. Südafrikas National Planning Commission hat in ihrer "Vision für 2030" das Ziel formuliert, dass zukünftig jedes Jahr 5.000 Promotionen abgeschlossen werden – das wäre eine Verdreifachung der heutigen Zahlen. Die Zielrichtung ist richtig: Wissenschaft und Forschung befähigen die Gesellschaft, eigenständige und angepasste Lösungen für die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft zu entwickeln. Es kommt uns im Zeitalter der Globalisierung teuer zu stehen, wenn nicht massiv in die Wissenschaft investiert wird. Die Erzeugung von Wissen ist wie ein Schlüssel, den es braucht, um die Vorteile der Globalisierung zu nutzen und ihre negativen Wirkungen zu kontrollieren. Dabei trägt jedes Land nur einen Teil zum globalen Wissenszuwachs bei – wissenschaftliche Zusammenarbeit wird immer wichtiger.


2. An wen richten sich die Aktivitäten der Stiftung?

Promovierte Forscher sind die Zielgruppe der Alexander von Humboldt-Stiftung. Es ist gut und wichtig, dass diese Gruppe schnell wächst. Wir setzen dabei den Akzent in der Zusammenarbeit auf die Stärkung wissenschaftlicher Exzellenz und Qualität. Das ist das Markenzeichen der Stiftung, die 49 Nobelpreisträger zu ihren Alumni, den Humboldtianern, zählt. Das Deutsch-Südafrikanische Jahr der Wissenschaft ist dabei eine großartige Gelegenheit, den Austausch zu intensivieren. Wir sind dankbar, dass wir gemeinsam mit dem DAAD und mit Unterstützung des BMBF eine große Alumnikonferenz zum Auftakt dieses wichtigen Jahres in Kapstadt gestalten konnten. Während des Wissenschaftsjahres wurde der Wissenschaftleraustausch mit Südafrika auf vielfältige Weise intensiviert. Auch der Netzwerkbildung innerhalb Südafrikas hat diese Initiative wichtige Impulse gegeben, wie unter anderem das Humboldt-Kolleg zum Thema "World View and Way of Life in the Ancient World" gezeigt hat, das kürzlich in Stellenbosch stattfand.


3. Was genau sind "Humboldt-Kollegs"?

Humboldt-Kollegs sind Regional- und Fachtagungen, die von Humboldtianerinnen und Humboldtianern durchgeführt werden. Hier zeigt sich einmal mehr, welche Breitenwirksamkeit eine an herausragenden Forscherpersönlichkeiten orientierte Förderung entfaltet: In den vergangenen drei Jahren haben Mitglieder der Humboldt-Familie in 54 Ländern fast 160 Humboldt-Kollegs mit finanzieller Unterstützung der Stiftung durchgeführt. An diesen Veranstaltungen haben etwa 10.000 Wissenschaftler teilgenommen – darunter mehr als 500 aus Deutschland.


4. Im Deutsch-Südafrikanischen Jahr der Wissenschaft 2012/2013 spielt „Nachhaltigkeit“ eine wichtige Rolle. Gehen von der Vergabe von Forschungsstipendien und Forschungspreisen auch nachhaltige Wirkungen aus?

Die Förderung von wissenschaftlichen Spitzenkräften ist eine Arbeit an den Relais, an den Schaltstellen, und nicht an den Schwungmassen. Die Wirkungen dieser Arbeit sind sehr vielfältig und oft noch Jahrzehnte nach der Förderung sichtbar. Wissenschaftler stärken auf mehrfache Weise die Selbsthilfekapazitäten ihrer Gesellschaften. Zunächst tun sie dies ideell, indem sie mit ihren Arbeiten eigene und angepasste Problemlösungs¬strate¬gien für eine nachhaltige Entwicklung ihrer Länder entwerfen. Darüber hinaus leisten sie einen strukturellen Beitrag, indem sie Bildungs- und Forschungsstrukturen etablieren. Besonders wichtig ist auch die Verantwortung, die sie für die Qualifizierung einer gebildeten Mittelschicht tragen. Die Erfahrungen, die Forschende in der internationalen wissenschaftlichen Zusammenarbeit machen und die Möglichkeiten, die sich ihnen durch die Zugehörigkeit zu internationalen Exzellenznetzwerken bieten, strahlen auf vielfältige Weise in die Zivilgesellschaft aus.


5.  Können Sie ein Beispiel nennen?

Nicht wenige Humboldtianer sind zu Hoffnungsträgern ihrer Gesellschaft geworden. Vor wenigen Wochen ist Professor Neville Alexander gestorben, der die Alumnikonferenz in Kapstadt eröffnet hat, von der ich eben sprach.  Professor Alexander war eine herausragende Forscherpersönlichkeit und ein Weggefährte Nelson Mandelas. Seit den 1950er Jahren war er der Alexander von Humboldt-Stiftung eng verbunden. Er hatte sich damals bereits der Antiapartheidbewegung angeschlossen. Vertreter der Humboldt-Stiftung besuchten ihn während seiner Inhaftierung auf Robben Island. Seit 1978 wurden fünf weitere Forschungsaufenthalte von Professor Alexander in Deutschland durch die Stiftung gefördert, zuletzt im Mai, anlässlich des Wissenschaftsjahres. Er widmete diesen letzten Deutschlandaufenthalt zwei Buchprojekten, die er noch fertig stellen konnte.


6. Insbesondere in Südafrika ist die Zahl der Alumni Ihrer Stiftung, der  Humboldtianer, sowohl in Forschung und Lehre, als auch in den Bereichen Wirtschaft und Gesellschaft vergleichsweise hoch. Was ist die Besonderheit des Standorts Südafrika?

Südafrika ist, was die Wissenschaft und Forschung anbelangt, die stärkste Nation Afrikas und hat hier immer noch eine gewisse Vorreiterrolle. Die Alexander von Humboldt-Stiftung hat vor dem Deutsch-Südafrikanischen Jahr der Wissenschaft zwei weitere Vertrauenswissenschaftlerinnen in Südafrika berufen, um sich das enorme Potential dieses Landes für die Zusammenarbeit noch besser zu erschließen. Dabei gilt es, gerade auch die Wissenschaftlerinnen sowie Forschungsstandorte, die erst in der Post-Apartheid-Ära an Bedeutung gewannen, in den Blick zu nehmen.

7. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt die internationale Kooperation der Partnerländer nicht zuletzt auch finanziell. Wie beurteilen Sie die Bedeutung der internationalen Kooperation – speziell mit Südafrika?

Zurzeit informieren insgesamt vier Vertrauenswissenschaftlerinnen und Vertrauenswissenschaftler der Alexander von Humboldt-Stiftung in Südafrika über den Forschungsstandort Deutschland und die Förderprogramme der Stiftung – in keinem anderen Land der Welt haben wir mehr Personen, die dieses Ehrenamt ausüben. Das zeigt, welchen Stellenwert Südafrika in der Zusammenarbeit hat. Aber nochmals zurück zur Vorreiterrolle des Landes: Als führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem gesamten afrikanischen Humboldt-Netzwerk im vergangenen Jahr das "African-German Network of Excellence in Science" (AGNES) gründeten, beschlossen sie, dass der Gründungsvorstand in Südafrika sitzen soll. AGNES ist bemüht, im Rahmen des Deutsch-Südafrikanischen Wissenschaftsjahres und durch Förderung des BMBF eine "Neville Alexander-Gedächtnisinitiative" zu etablieren, die der Wissenschaft und Forschung in ganz Afrika zugute kommen soll. Das dürfte ganz im Sinne von Neville Alexander sein …