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30.10.2012

Afrikanisch-Europäisches Tuberkulose Konsortium: Interview mit Prof. Dr. Gerhard Walzl

Prof. Dr. Gerhard Walzl
(c) Prof. Dr. Gerhard Walzl

Prof. Dr. Gerhard Walzl von der Abteilung für Biomedizinische Forschung der Stellenbosch Universität (Südafrika) koordiniert das AE-TBC (Afrikanisch-Europäisches Tuberkulose Konsortium). Dieses wird im Rahmen des Programms ‘‘European and Developing Countries Clinical Trials Partnership“ (EDCTP) gefördert, an der Finanzierung ist unter anderem das Bundesministerium für Bildung und Forschung beteiligt. An dem Projekt, welches seit Juni 2010 läuft, sind sieben afrikanische und fünf europäische Institutionen beteiligt. Das Projekt trägt den Titel „The evaluation of Mycobacterium tuberculosis specific host cytokine signatures in whole blood culture supernatants as diagnostic biomarkers for active TB infection“. Ziel dabei ist die Entwicklung innovativer Methoden für die Diagnose von Tuberkulose (TB).

 

1.    Sie koordinieren das „Afrikanisch-EuropäischeTuberkulose Konsortium“ (AE-TBC). Was ist das besondere an der internationalen Forschungsgruppe und welche Bedeutung hat die Kooperation?

Das Konsortium besteht aus Partnern, die bereits in einem anderen Projekt zusammengearbeitet hatten, dessen Finanzierung ausgelaufen war.  Koordinator dieser Gruppe war Prof. Stefan Kaufmann vom Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin und das Projekt wurde von der Bill and Melinda Gates Foundation gefördert. Die Gruppe hat fünf Jahre zusammengearbeitet und somit waren die Beziehungen, die sich zwischen den Partnern entwickelt hatten, das Vertrauen, das sich über mehrere Jahre aufgebaut hatte, und die Kommunikationskanäle bereits vorhanden und die Gruppe musste keine lange Wachstumsphase durchlaufen. Zwei Partner kamen hinzu: die Universität von Namibia, erstmals auf dem Gebiet der medizinischen Forschung tätig, mit einer kürzlich gegründeten medizinischen Hochschule und Eurice, ein professionelles Projektmanagementbüro mit Sitz in Saarbrücken. Das Besondere an diesem Konsortium ist, dass es von afrikanischen Partnern koordiniert wird, wobei alle Partner – afrikanisch und europäisch –  gleichberechtigt beteiligt sind. Neben dem starken Fokus auf den wissenschaftlichen Zielen des Projekts liegen weitere Schwerpunkte auf der Weiterentwicklung der Forschungskapazitäten in Afrika und auf verbesserter Vernetzung aller Partner mit der wissenschaftlichen Gemeinschaft.

 

2.    Wenn Sie Ihr Projekt in zwei Sätzen erklären müssten, wie würden Sie es beschreiben?

Das Projekt nutzt die fortgeschrittenen Möglichkeiten klinischer Forschung ebenso wie modernstes Grundlagenwissen und die neusten biotechnologischen Kompetenzen der Konsortialpartner, um eine bedeutende medizinische Notwendigkeit zu adressieren: die Entwicklung eines für die Praxis geeigneten, schnellen, aber genauen Diagnosetests für aktive Tuberkulose. Ferner nutzen wir das Projekt als Instrument für die Weiterentwicklung der Forschungskapazitäten in Afrika und als Gelegenheit, Netzwerke auszuweiten und um gemeinsam weitere Forschungsgelder für alle beteiligten Partner einzuwerben.

 

3.    Was ist für Sie die Faszination an Ihrem Forschungsbereich?

Tuberkulose wird durch ein Bakterium verursacht und über die Einatmung infektiöser Tröpfchen verbreitet. Seit mehreren Tausend Jahren bereits leiden die Menschen unter dieser Krankheit. Obwohl der Krankheitserreger 1882 identifiziert wurde, verwenden wir immer noch über 100 Jahre alte Diagnosemethoden und setzen Medikamente ein, die über ein halbes Jahrhundert alt sind und mindestens sechs Monate lang verabreicht werden müssen. Erst kürzlich haben wir mit den Tests möglicher neuer Impfstoffe begonnen, um BCG zu ersetzen, einen Impfstoff, der vor Jahrzehnten eingeführt wurde und nur bedingt wirksam ist. TB ist eine der häufigsten Todesursachen in Entwicklungsländern, ähnlich wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Europa, und dennoch haben wir es alle versäumt, moderne Verfahren zur Ausmerzung dieser Krankheit zu nutzen. Jedes Jahr infizieren sich 8,8 Millionen Menschen neu und 1,4 Millionen kostet sie jährlich das Leben. TB ist ein Indikator für soziale Ungleichheit und wir stehen in der Wissenschaft, der Politik, der Gesellschaft und in Bezug auf Lobbyarbeit vor großen Herausforderungen.

 

4.    Tuberkulose gilt als eine der weltweit aggressivsten bakteriellen Infektionskrankheiten, insbesondere Südafrika ist hiervon stark betroffen. Konkretes Ziel Ihres Projektes ist nun die Entwicklung innovativer Diagnosemethoden für Tuberkulose. Wie können diese aussehen?

Eines der Probleme in Verbindung mit TB besteht darin, dass Menschen betroffen sind, die in Armut bzw. häufig in ressourcenarmen Gegenden leben. Neben dem Mangel an leicht zugänglichen Diagnostik- und Behandlungszentren ist auch das Verhalten von hilfesuchenden Erkrankten durch Armut beeinträchtigt. Da die TB-Diagnose meistens mehrere Arztbesuche erfordert, bevor die Diagnose bestätigt ist, und die Testergebnisse häufig nicht umgehend vorliegen, ist die Nachuntersuchung bei vielen Menschen, die sich zunächst um eine ärztliche Behandlung für ihre TB-Symptome bemühen, erfolglos und es wird nie oder erst nach langer Verzögerung mit einer Behandlung begonnen, was die weitere Verbreitung der Krankheit fördert. Da es häufig schwierig ist, das Vorhandensein von Bakterien oder ihrer Produkte in Proben von Patienten nachzuweisen, gehen wir davon aus, dass Biosignaturen, die aus mehreren Entzündungsmarkern bestehen, eine vielversprechende alternative Diagnostik darstellen könnten. Schließlich sind im menschlichen Immunsystem sensible Erkennungsmechanismen vorhanden. Diese Biosignaturen könnten sich mit einfachen und kostengünstigen Teststreifen messen lassen, ähnlich wie bei Schwangerschaftstests oder Glukoseteststreifen, und zwar möglicherweise anhand von Blut, Speichel oder Urin.

 

5.    Die WHO hat das Ziel ausgerufen, bis zum Jahr 2015 die Zahl der TBC- Neuerkrankungen und die der Todesfälle weltweit zu halbieren. Bis 2050 sollen Tuberkulose-Bakterien möglichst ganz vernichtet sein. Das sind ehrgeizige Ziele – was sagen Sie dazu?

Alle sechs WHO-Regionen sind auf dem richtigen Weg, um das in Form des Millennium Development Goal gesetzte Ziel zu erreichen, dass die TB-Häufigkeitsraten bis 2015 sinken sollten. Die TB-Sterblichkeitsraten sind seit 1990 um etwas mehr als ein Drittel gesunken und fünf der sechs WHO-Regionen (die afrikanische Region stellt die Ausnahme dar) sind auf dem richtigen Weg, um das Ziel der Halbierung der Sterblichkeitsraten von 1990 bis 2015 zu erreichen. Das Ziel, die TB-Prävalenzraten bis 2015 im Vergleich zu 1990 zu halbieren, wird aller Wahrscheinlichkeit nach weltweit nicht erreicht, auch wenn es in der Region Nord- und Südamerika bereits erreicht wurde und man ihm in der Westpazifischen Region sehr nahegekommen ist. Die Ausrottung der TB bis 2050 ist sehr unwahrscheinlich, und das zunehmende Auftreten von medikamentenresistenter TB sowie die dauerhafte gefährliche Wechselwirkung zwischen TB und HIV erfordern zwingend, dass das Fachgebiet TB und alle daran Beteiligten innovativ und noch stärker zusammenarbeiten, um den Problemen wirksam entgegenzutreten. Wie können wir rechtfertigen, dass es 2009 aufgrund von TB weltweit mehr als zehn Millionen Waisen gab? Das sind mehr Menschen als die Bevölkerung  Österreichs oder Baden-Württembergs und nur geringfügig weniger als die Einwohnerzahl Bayerns. Zudem müssen wir bedenken, dass die schwer erkämpften Fortschritte in der Bekämpfung von TB  sehr schnell durch Rezessionen zunichtegemacht werden können, wie wir es derzeit erleben.

 

6.    Im Deutsch-Südafrikanischen Jahr der Wissenschaft 2012/2013 werden gemeinsame Projekte von Forschungseinrichtungen beider Länder gefördert. Welche Tipps können Sie den Projektpartnern aus Ihren Erfahrungen in der bilateralen Wissenschaftlich-Technischen Zusammenarbeit geben?

Ich persönlich durfte in den vergangenen zehn Jahren von äußerst fruchtbaren deutsch-südafrikanischen Forschungspartnerschaften profitieren. Es gab keinerlei einseitige Abhängigkeiten (weder finanziell noch im Hinblick auf  die Forscher selbst), vielmehr bauten diese Partnerschaften auf sich ergänzenden Fähigkeiten und Stärken sowie auf einem gemeinsamen Forschungsschwerpunkt auf. Partnerschaften können nur dann funktionieren, wenn alle Beteiligten tatsächlich von der Beziehung profitieren und durch die Zusammenarbeit wachsen. Gegenseitiger Respekt und die Bereitschaft, länder- und kulturspezifische Unterschiede zu akzeptieren, sind auf beiden Seiten von wesentlicher Bedeutung. 
   
Vielen Dank!